Prolab

Art After Work #25

Ausstellungseröffnung in unserem Kundencenter

am Freitag 30. September 2022, ab 17:30 Uhr


THE TOWER -

Eine fotografischer Bilderzyklus 

von Martin Wolf Wagner



In Martin Wolf Wagners Fotoserie „THE TOWER“ ist der Turm nur eine Randnotiz. Das Titel gebende Gebäude bleibt eine Fußnote kosmischer Spektakel. Klitzeklein klemmt er am Horizont im unteren Bildbereich, eine periphere Erscheinung und damit ganz das Gegenteil dessen, was Türme normalerweise sind: auf Effekt angelegte Landmarken.
Bei dem zutiefst menschlichen Wettstreit ums Allerhöchste – schriftlich bezeugt spätestens seit den Tagen des Alten Babylon und just im selben Kulturraum bis heute hochgeschraubt auf Werte jenseits eines Kilometers überm Asphalt von Dubai – in diesem planetaren Gockel-Gehabe der Mega-Potenten macht Martin Wolf Wagner sich ganz klein. Sein Turm ist nur der Ankerpunkt am Horizont. Stets an derselben Stelle im Bild, fungiert er als Kompassnadel; ein Finger, der aufs Firmament weist.
Dort oben spielt sich ab, worum es hier geht: Atmosphären, Luft, Wolken, Sterne, Zirkulares Kreisen. Das alles grenzt an die Sphäre des Unendlichen, aber ohne esoterischen Beiklang. Auch die Romantik, so sehr ihr das Sujet der Nacht liegen würde, ist nicht unbedingt eine Geistesverwandte dieser Fotografie. Dagegen spricht schon die faktische Ursache der himmlischen Farbenpracht und des vielfachen Leuchtens, die uns Martin Wolf Wagner vor Augen stellt: Lichtverschmutzung. Die treibt Insekten in den Tod und Menschen in die Schlaflosigkeit, ein Kollateralschaden des technischen Fortschritts. Das ökologisch eher Unerwünschte erzeugt jedoch eine hohe Ästhetik - ein dialektischer Dreh dieser Landschaft unweit von Hegels Geburtsort. Denn dort ist „THE TOWER“ aufgenommen, irgendwo am Rande des Speckgürtels von Stuttgart.
Hier lebt der Fotograf, der schon in einigen früheren Bildsequenzen seine unmittelbare Umgebung erkundet hat, als gänzlich unsentimentaler Heimatkundler. Als Hausmittel gegen die grassierende Corona-Lähmung des Alltags hat sich Wagner 2021/22 jene nächtlichen Gänge zum immer selben Feldwegrand verordnet, mit zwei Stativbeinen auf den zu Beginn tief ins Erdreich getriebenen Zimmermannsnägeln, dem dritten auf einer Farbmarkierung des Asphalts. Über den auch bei Nacht übrigens so manches brettert, vom Mähdrescher bis zum wutschnaubenden Freizeitradler, der dem fotografierenden Hindernis prompt Prügel androhte. Zum Meditieren kam der Lichtfallensteller also nur bedingt, selbst wenn die Belichtungszeiten einige Stunden erreichten, in denen er seinen Apparat bewachen musste.
Wir mittelbare Augenzeugen haben es leichter. Ohne kalte Füße oder monatelanges Warten auf Nebel dürfen wir uns dem Gedankenfluss hingeben, den diese Bilder evozieren – ein fernes Leuchten, gewidmet jener unerschöpflichen Quelle des menschlichen Staunens, die schon ein gewisser Königsberger bewunderte, der auch seine engste Heimat kaum verließ und dennoch das Große Ganze in den Blick nahm: „…den bestirnten Himmel über mir.“

Andreas Langen (Deutsche Fotografische Akademie, freier Autor SWR 2 Kulturradio)

Gefördert wurde das Projekt THE TOWER mit einem Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

Außerdem zeigt Martin Wolf Wagner Fotoarbeiten aus seinen Serien MAR NEGRO und FOOTBALL.


Der Fotokünstler ist zur Ausstellungseröffnung anwesend.



www.martinwolfwagner.com